Von der Gründung bis zum Zweiten Weltkrieg

Zu den ältesten Fußballvereinen des Dillkreises gehört der im Frühjahr 1919 gegründete Niederschelder Sportverein. Die folgenden Zeilen beschäftigen sich insbesondere mit der Zeit von der Gründung bis zum Zweiten Weltkrieg des damals noch FC Niederscheld heißenden Vereins.

Nach dem Ende des Ersten Weltkrieges im November 1918 kehrten Millionen deutsche Soldaten in die Heimat zurück. Darunter auch Niederschelder Bürger, die draußen im Feld gestanden hatten. Einige von ihnen hatten während des Krieges im Ausland oder in Gefangenschaft Bekanntschaft mit dem Fußballspiel gemacht, das bis dato im Deutschen Kaiserreich nicht weit verbreitet war.

Es waren vor allem junge Männer, die – trotz so mancher ablehnenden Haltung im Umfeld – mit Enthusiasmus dieses Spiel auch in der Heimat betrieben. Im April 1919 gründeten sodann mehr als 20 sportinteressierte Jugendliche und Männer in der Gastwirtschaft Held den Fußballclub (FC) Niederscheld, dessen Vereinsname auf einer Generalversammlung 1948 in „Sportverein 1919 Niederscheld e.V.“ geändert wurde. Den Vorsitz übernahm E. Ebert.

Die Gemeinde stellte den Festplatz „Unter den Linden“ zur Verfügung. Fortan wurden auf dieser langen und schmalen Wiese an der Dill die Spiele des FCN ausgetragen. Stangen und eine Wäscheleine ersetzten die Tore. Den Ball brachte der Vater R. Webers aus der Kriegsgefangenschaft mit. Sportbekleidung (Trikots und Fußballschuhe) waren zunächst noch nicht vorhanden. Man krempelte sich die Hemdsärmel hoch und zog die langen Hosen über die Knie. Erst ein Tanzabend im Saale Held brachte die Mittel für die Anschaffung einer sportgerechten Bekleidung ein. Ein neuer Ball wurde inzwischen vom Bruder des Heinrich Maage II erworben, den die Gebrüder Schmidt (Werner, Eugen, Hubert und Franz) von ihren Ersparnissen bezahlt hatten. Der FC Niederscheld ging mit zwei Mannschaften in die Runde. Das erste Spiel wurde in Biedenkopf ausgetragen, wobei das Ergebnis jedoch nicht überliefert ist. Aus dem Gründungsjahr ist das Ergebnis eines Spiels vom 24.10. in der Dill-Zeitung erwähnt, bei dem die Niederschelder 2. Mannschaft bei der 4. Mannschaft des SSC Dillenburg mit 0:13 unterlag. Unter heute kaum mehr vorstellbaren Bedingungen spielten sie Mannschaften in der damaligen Zeit. Ausgediente Arbeitsschuhe mit Nägeln und Stoßeisen oder klobige Schuhe mit Stahlkappen dienten als Fußballschuhe. Die Bälle waren unförmig groß und wurden bei Nässe schwer wie Bleikugeln. In der Anfangszeit hatten v.a. die Leichtathleten Erfolge zu verzeichnen. A. Ebert wurde Sieger im 1500m-Lauf und H. Görzel Zweiter über 100m.

Das Gelände auf dem Kirmesplatz konnten die Fußballer immer nur ein halbes Jahr benutzen, da es als Viehweide benötigt wurde. Anfangs stellte dies kein großes Problem dar, denn es gab erst wenige Fußballvereine, so dass die Meisterschaftsspiele gegen die Mannschaften von Frohnhausen, Dillenburg, Wetzlar, Dutenhofen, Lollar, Heuchelheim, VfB Gießen und 1900 Gießen alle in diesem Zeitraum durchgeführt werden konnten.

Als in der Folgezeit immer mehr Vereine hinzukamen – man spielte unter anderem gegen Mannschaften aus dem Siegerland und dem Kreis Wetzlar -, benötigte man den Platz das ganze Jahr über. Dies lehnte jedoch die Gemeindevertretung ab. Stattdessen schlugen sie vor, ein neues Spielfeld „Am Farst“, dem damaligen Nordbahnhof, in Eigenleistung zu bauen. Daraufhin fingen die Vereinsmitglieder mit den Bauarbeiten an, mussten jedoch ziemlich schnell zu der Erkenntnis kommen, dass dieses Vorhaben aufgrund des notwendigen Abtragens mehrerer Tausende Kubikmeter Erde zu langwierig und finanziell zu aufwendig gewesen wäre. Der Verein sah sich aus diesem Grund gezwungen, im Jahre 1923 den Spielbetrieb einzustellen.

Die Verhandlungen mit dem Bürgermeister und dem Gemeinderat wurden indes weitergeführt, bis der Sportplatzbau in einer Bürgerversammlung zur Diskussion gestellt wurde. Auf eine entsprechende Verfügung des preußischen Innenministers berufend, nachdem die sporttreibenden Vereine und der Schuljugend gefördert werden sollte, konnte die Versammlung von der Notwendigkeit eines Sportplatzbaus überzeugt werden. Die Gemeinde stellte den damals teilweise aus Acker- und Wiesenland bestehenden Platz im Lützelbachtal zur Verfügung. Da das Gelände aber noch nicht ausreichte, musste die Gemeinde mit dem Fiskus ein Stück Wald gegen ein Stück Land austauschen. Uneigennützig, aufopferungsvoll und von Idealismus geprägt wurde der Sportplatz nahezu in kompletter Eigenleistung errichtet, wobei sich vor allem Wilhelm Cloos als Platzaufbauleiter sowie Oskar Heun II besondere Verdienste erwarben. Nachdem die Planierungsarbeiten beendet worden waren, konnte der Platz 1926 mit einem Sportfest eingeweiht werden.

Im Spieljahr 1927/28 wurde der FCN in die neue eingleisige A-Klasse eingeteilt. In den Folgejahren kam es zu mehreren Neueinteilungen der Spielklassen, wobei sich der FCN immer in der als A-Klasse zu bezeichnenden Liga hielt bzw. sich für diese qualifizieren konnte.

Als es im Jahre 1931 im Lützelbachtal während eines Spiels gegen Donsbach zu einer Schlägerei gekommen war, bei der einige Zuschauer und Spieler verletzt wurden, belegte der Kreisrechtsausschuss den Verein mit einer Geldstrafe sowie einer Platzsperre. Einige Spieler sahen sich in diesem Urteil benachteiligt und kehrten dem Fußballsport den Rücken. Infolgedessen geriet der Verein in eine Krise und die 1. Mannschaft musste absteigen. Spannungen und Gegensätze politischer Natur sowie die Arbeitslosigkeit verschärften diese Krise so sehr, dass sich der Verein gezwungen sah, im Jahre 1933 den Spielbetrieb einzustellen.

Einige Idealisten ließen jedoch keine Ruhe und bemühten sich um eine „Wiederbelebung“ des Vereins. So konnte der Spielbetrieb zwei Jahre später wieder aufgenommen werden. Bereits im Spieljahr 1935/36 konnte die Meisterschaft der B-Klasse (2. Kreisklasse) und der damit verbundenen Aufstieg in die A-Klasse (1. Kreisklasse) gefeiert werden. Dort verpassten die Schelder Fußballer nur knapp den zweiten Aufstieg in Folge, als man punktgleich mit Offenbach an der Tabellenspitze war und sich nur aufgrund des schlechteren Torverhältnisses mit dem Vizemeistertitel begnügen musste. Aufgrund der Einführung der allgemeinen Wehrpflicht im Jahre 1936 mussten einige Spieler zum Wehrdienst einrücken. Dies führte zu einer Senkung des spielerischen Niveaus, so dass die Mannschaft im Spieljahr 1937/38 wieder in die B-Klasse (2. Kreisklasse) absteigen musste.

Konnte der Fußballclub bis dahin weitgehend seine Selbständigkeit erhalten, sah eine Verfügung des damaligen Reichssportführers Tschammer von Osten 1938 den (Zwangs-) Zusammenschluss des Fußballclubs und des Turnvereins zu einer NS-Sportgemeinschaft vor.

Trotz einer 6:1-Niederlage am 07. März 1939 beim SSV Haigerseelbach wurde der FCN Meister der B-Klasse.

Ein halbes Jahr später, am 1. September 1939, begann mit dem Einmarsch deutscher Truppen in Polen der Zweite Weltkrieg. In der Folgezeit wurden auch Spieler des FCN eingezogen. Der Ausbruch des Zweiten Weltkrieges hatte direkte Auswirkungen auf den Spielbetrieb. Es wurden so genannte „Kriegsmeisterschaften“ ausgespielt. Dabei war die 1. Mannschaft in der Bezirksklasse Dill aktiv, die am 12. November 1939 begann und an denen neben Niederscheld noch Sinn, Dillenburg, Herborn/ Burg, Fleisbach, Frohnhausen und Nanzenbach teilnahmen. Ergebnisse von Spielen mit Niederschelder Beteiligung sind jedoch nicht bekannt.